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Was Freud´sche Versprecher zum Vorschwein bringen!

In einer Versammlung berichtet ein Herr von Vorgängen, die ihm missfallen, und setzt fort: „Dann aber sind Tatsachen zum ‚Vorschwein‘ gekommen.“ Als man ihn dazu näher befragt, bestätigt er, dass er diese Vorgänge tatsächlich für „Schweinereien“ halte. „Vorschein und Schweinerei“ haben also zusammen das sonderbare „Vorschwein“ zum Vorschein gebracht.

So ähnlich schildert uns Sigmund Freud (1856-1939) selbst in seinem Werk „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ das Entstehen eines so genannten Freud´schen Versprechers. Freud führt im selben Werk auch ein Beispiel aus der Politik an, wo der deutschnationale Abgeordnete Lattmann 1908 im Reichstag für eine Ergebenheitsadresse an den (letzten) deutschen Kaiser Wilhelm II. eintritt und dazu sagt: „…und wenn man dies tue,…so wollen wir das auch rückgratlos tun!“ Das damalige Sitzungsprotokoll spricht von einer minutenlangen stürmischen Heiterkeit, bis der Redner überhaupt erklären kann, dass er natürlich „rückhaltlos“ gemeint habe.

Auch unsere aktuelle Politik ist voll solcher Freud´schen Fehlleistungen, die für die immer hungrigen Medien ein gefundenes Fressen darstellen. Helmut Kohl meinte 1989 als deutscher Bundeskanzler nach einer Sitzung zur Beilegung der Krise in der Koalition mit der FDP: „…beim guten Koalitionsklima, wie wir es haben, wie wir pfleglich miteinander untergehen…“. Dem deutschen Politiker Wolfgang Schäuble – in seiner damaligen Funktion als Innenminister – gelang 2008 bei der 3. Berliner Medienrede folgende Glanzaussage: „…und inzwischen eröffnen uns Computer und Internet ganz neue Austausch- und Informationskontrollen…“. Er korrigierte sich schnell auf „Austausch- und Informationskanäle“. Aber Vorsicht mit der Schadenfreude – auch sie gehört zu den „Psychopathologien des Alltagslebens“. Nobody is perfect!

Normalerweise beschäftige ich mich in dieser Rubrik ja mit Redensarten und Sprichwörtern und nicht mit Versprechern, aber zum Titelthema dieser Ausgabe passen die Freud´schen Versprecher auf besondere Weise. Denn der Freud´sche Versprecher ist ein Fehler – aber ein „richtiger“. Freud weist diesen Versprechern einen tiefergründigen Sinn zu, einen unbewussten oder vorbewussten Beweggrund, der zu dieser Fehlleistung führt. Damit kommt unfreiwillig das zum Vorschein, was sich der Sprecher in seinem Innersten denkt, aber im Normalfall nicht aussprechen bzw. zumindest in dieser speziellen Situation nicht aussprechen würde.

Jedem von uns sind solche Versprecher schon unzählige Male passiert. Rosa Ferber fand heraus, dass der Grossteil dieser Versprecher weder vom Redner noch von den Zuhörern überhaupt bemerkt wird, doch lohnt es sich, hier wachsam zu sein, vor allem wenn es sich um immer wiederkehrende Fehlleistungen handelt.

Beim sprachlichen „Fehlermachen, aber richtig“ fällt mir auch der am Down-Syndrom leidende Dichter Georg Paulmichl ein. „Für seine genialen Wortschöpfungen, für seine entlarvenden Verballhornungen, für seine kurzen, lakonischen, haargenau den – wunden – Punkt treffenden Sätze tausche ich alle Satiriker, Humoristen und Aphorismen-Schöpfer der letzten hundert Jahre ein“, meint der bekannte österreichische Schauspieler und Autor Felix Mitterer. Paulmichl lebt in Prad im Vinschgau und besucht die dortige Behindertenwerkstätte. Nach unseren heutigen gesellschaftlichen Bewertungskriterien fällt er eindeutig unter „geistig behindert“. Er selbst sagt von sich: „In der Werkstatt sind alles Behinderte. Ich bin nicht behindert, ich kann reden.“ Und was er redet ist nicht richtig im streng sprachlich-grammatikalischen Sinn, aber es offenbart auf unnachahmlich komische und erschütternde Weise zugleich einen dahinterliegenden Sinn.

Beispiele gefällig? Über seine Heimat, den Vinschgau, schreibt er: „Der Vinschgau ist rundherum wunderbar…, Gebirgsketten rasseln über die Talmachenschaften.“ Aus seinem Urlaubsort Rimini berichtet er unter anderem: „Die deutschen Männer schreiten zur Fassabteilung, um im Durst nicht abzusaufen.“ Vom Fernsehen meint er: „Durch die Mattscheibe kann man die Welt erblicken.“ Sein Blick auf unseren Umgang mit den Immigranten ist entlarvend: „…die Einheimischen lassen sich von den Fremden nicht aus der Bratpfanne löffeln.“ Provokativ ist seine Aussage: Die Welt braucht keine Behinderten, aber da sind sie trotzdem.“

Genauso wie unsere heutige produktions-und gewinnorientierte Welt keine Behinderten braucht, braucht sie auch keine Fehler. Aber gerade die Fehler machen unser Leben bunt und interessant, denn Fehler–wie die Freud´schen Versprecher“–bringen Tieferliegendes ans Licht. Erst Fehler bringen das Leben zum Vorschein. Ohne Fehlerwäre die Welt steril und grau, ohne Lernen und ohne Entwicklung. Es wird Zeit für einen neuen Frühling. In den Worten Georg Paulmichls: „Die alten Leute rücken von der Ofenbank ab. Sie wollen noch einmal das Leben wagen.“

© Dr. Mag. Hannes Weinelt, Abenteuer Philosophie Magazin

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