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In den wesentlichen Fragen ist die Menschheit in den letzten 2.500 Jahren nicht wirklich weiter gekommen. Wir wissen nicht einmal, was das Gute ist. Oder das Böse. Oder was gerecht ist. In dieser Situation können wir dasselbe tun wie der Grossteil der „zivilisierten“ Welt: wir könnten uns präpotent zurücklehnen, in der linken Hand die Fernbedienung, das Tor zu über hundert Rundfunkstationen weltweit. Und den rechten Zeigefinger stolz erhoben über dem Touchscreen unseres Tablet PCs, als wolle er sagen: ein Click genügt, und es öffnet sich jedes Fenster zum Wissen.

Wir könnten aber auch das Experiment des Sokrates wiederholen. Als er vom delphischen Orakel als weisester Mann Athens bezeichnet wurde, ging er von Haus zu Haus und stellte Fragen. Anfangs schienen alle zu wissen, doch sobald Sokrates tiefer bohrte, folgte das grosse Schweigen. Vielleicht so:

S(okrates): Können Sie mir sagen, was Gerechtigkeit ist?
B(efragter): So eine blöde Frage, weiss doch jeder, was Gerechtigkeit ist?
S: Nun, ich weiss in der Tat nicht, was Gerechtigkeit ist, und schon gar nicht, was Sie darunter verstehen.
B: Meinetwegen. Also gerecht ist etwas, was für alle gleich ist, ohne Ansehen der Person, Herkunft oder Beziehungen, wenn Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird.
S: Hm. Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel aus Ihrem Alltag?
B: Also wenn ich als Professor Klausuren schreiben lasse, schreiben alle Studenten ihre Namen auf ein separates Blatt, denn ich will beim Korrigieren nicht wissen, wer das geschrieben hat. Das finde ich zum Beispiel gerecht.
S: Was ist daran gerecht?
B: Dass alle gleich behandelt werden?
S: Und wenn nun einer geschummelt hat, und Sie haben es nicht gemerkt? Oder einer, der zufällig genau diese Frage konnte und nichts anderes? Ist das dann gerecht?
B: Naja, das ist dann Glück oder Pech für den Betreffenden.
S: Es ist also gerecht, Glück oder Pech zu haben?
B: (Schweigt längere Zeit) Nein das natürlich nicht, da bin ich jetzt in eine falsche Ecke geraten, also… (schweigt wieder).
usw.

(Beispiel nach Harlich H. Stavemann, Sokratische Gesprächsführung, Basel 2007)

Die Dialektik – ein Fragespiel

Mit seinem fortlaufenden Fragespiel deckt Sokrates – oder Platon in seinen Dialogen mittels der Figur Sokrates – die falschen Kenntnisse seines Gesprächspartners auf. Und das ist Dialektik nach Platon: die Kunst, widersprüchliche Ansichten in einem Dialog zu einer übergeordneten Wahrheit zu führen. Die Dialektik verhindert nicht durchdachte Aussagen und voreilige Schlüsse, wie:

  • Die Ausländer nehmen uns die ganze Arbeit weg; und sie sind alle kriminell.
  • Amerika ist toll; und Russland ist schlecht.
  • Aus Amerika kommen alle tollen Erfindungen. Oder: Amerika kontrolliert und beutet die ganze Welt aus.
  • Die EU ist nur Handlanger einer Wirtschaftsmafia. Oder: Die EU ist ein Segen für ganz Europa.
  • Die Politiker sind alle korrupt.

Die Liste stereotyper Aussagen liesse sich beliebig verlängern. Beobachten Sie sich selbst und andere, wie viele unreflektierte Behauptungen entlang eines Tages unsere Lippen verlassen. Die Dialektik ist eine Methode des Denkens. Sie arbeitet nach den Regeln der Logik und zwingt uns, den Wahrheitsgehalt unserer Aussagen zu überprüfen und zu beweisen.

Das dialektische Fragespiel hat aber einen weiteren – entscheidenden – Nutzen: Wir finden selbst unser Wissen heraus, nachdem wir uns zuerst unserer Unwissenheit bewusst geworden sind. Und Platon ist überzeugt, dass wir nur die von uns selbst mühsam herausgearbeiteten Überzeugungen und Erkenntnisse anschliessend auch im Leben umsetzen. Er kritisierte vehement die Sophisten seiner Zeit, die nur abstraktes Wissen ohne praktischen Bezug vermittelten. Treiben die Sophisten des 21. Jahrhunderts heute nicht dasselbe Unwesen? Jedenfalls eine Behauptung, die dialektisch zu prüfen wäre.

Heute können Eltern, Lehrer und Therapeuten ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, dass Kenntnisse auch zu einer Veränderung des Verhaltens führen. Wie oft hören wir uns selbst sagen: „Ich weiss, aber…!“ Sokrates und Platon sind jedoch überzeugt, dass niemand wider besseren Wissens schlecht oder ungerecht handelt, sondern nur aus Unwissenheit heraus. Daher darf es nicht beim Vermitteln oberflächlicher Kenntnisse bleiben, sondern es geht um das Erarbeiten tiefer Einsichten – mittels der Praxis der Dialektik in ihren drei Phasen.

Unsere Unwissenheit akzeptieren

Die erste Phase ist die Ermahnung oder das Akzeptieren unserer Unwissenheit. Wir dachten, wir wüssten, was Gerechtigkeit ist, und erkennen unsere starren und falschen Ideen und unseren Hochmut, mit dem wir sie unüberprüft geäussert haben. Wir glauben, etwas gut zu machen, doch es ist schlecht. Wir glauben, etwas richtig zu machen, doch es ist ein Fehler. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: den Fehler nicht zu akzeptieren und besserwisserisch und hochmütig zu bleiben oder ihn zu akzeptieren und sich damit weiterzuentwickeln. Einen Fehler akzeptieren zu können, heisst zu akzeptieren, dass etwas fehlt. Und diese Einsicht führt zur Liebe und zur Suche nach dem, was fehlt. Wir müssen akzeptieren, also wissen, dass wir etwas nicht wissen. Das ist die grosse Erkenntnis des Sokrates: ich weiss, dass ich nicht weiss. Erst dann beginnt die ernsthafte Suche nach mehr und neuem Wissen. Für Sokrates ist daher die Unwissenheit nicht, etwas nicht zu wissen, sondern nicht wahrhaben zu wollen, dass wir etwas nicht wissen. Das Problem besteht niemals darin, einen Fehler zu machen, sondern darin, ihn nicht zugeben zu können – und damit nichts daraus zu lernen.

Uns von der Unwissenheit befreien

Die zweite Phase ist die Reinigung oder Befreiung von der Unwissenheit. Es ist wie das Trennen des Metalls vom Muttergestein. Es gilt, die intellektuellen und emotionalen Irrtümer mithilfe des Dialogs „wegzuräumen“. Damit ist der Weg zur Erkenntnis frei. Unser Dialog über Gerechtigkeit könnte nach zahlreichen Versuchen, Beispiele für Gerechtigkeit zu finden, folgendermassen weitergehen:

S: Möchten Sie noch über ein anderes Beispiel, was gerecht ist, nachdenken?
B: Das bringt nichts, ich habe es nun schon so oft probiert.
S: Und sie können kein Beispiel finden, wo es wirklich gerecht zugeht?
B: Es fällt mir schwer, dies zuzugeben, aber ich weiss keines.
S: Aber Sie möchten trotzdem, dass es im Leben immer gerecht zugeht – warum?
B: Ich denke, alle würden das begrüssen, wenn es auf der Welt gerecht zuginge.
S: Auch die, denen es bisher besser ging als anderen? Also würden Sie zum Beispiel fordern, dass auch Ihre Frau und Ihre Kinder den gerechten Anteil an unheilbaren Krankheiten und Hunger und Elend bekommen sollten?
B: Das ist gemein, dass Sie meine Kinder mit ins Spiel nehmen.
S: Warum?
B: Weil ich ihnen natürlich nichts Schlechtes wünsche.
S: Angenommen, Sie hätten damit Erfolg, wäre das dann gerecht?
B: Natürlich nicht.
S: Das heisst, Sie fordern doch nicht in allen Fällen Gerechtigkeit in der Welt?
B: In solchen Fällen nicht.
S: Aber wer soll das bestimmen, wann es für wen auf der Welt gerecht zugehen soll?
B: Ich sehe nun ein, dass es wirklich schwer ist, Gerechtigkeit zu definieren, und dass wir Menschen auch nicht in der Lage sind zu beurteilen, was, wann für wen gerecht ist.

An dieser Stelle findet in unserem Befragten ein Umkehrprozess statt. Er erkennt, dass er das bisher Geglaubte über Bord werfen muss. Er hat sich von allen falschen Gedankengebäuden und Glaubensgrundsätzen befreit. Jetzt erst ist der Weg frei zur Intuition oder zum inneren Wissen.

Wissen – ein Uns-Wieder-Erinnern

Dieses wird in der dritten Phase geboren, der Mäeutik. Dieser Begriff kommt vom griechischen maieutiké, die Kunst der Entbindung. Darin steckt maia, die Hebamme. Analog zur Arbeit einer Hebamme betrachtete sich Sokrates als Geburtshelfer Athens. Er versuchte in seinen Gesprächspartnern das ans Licht zu bringen, was noch unter Unbewusstheit oder oberflächlichen Kenntnissen verborgen war. Durch die Dialektik erhalten wir Zugang zu jenem Wissen, das wir nach Sokrates von Beginn der Welt an besitzen. Aber durch die Verkörperung der Seele in der Materie haben wir es vergessen. Jedes wahre Wissen ist daher eine Form von Reminiszenz, ein Sich-Wieder-Erinnern. Diese Form von Sehen oder Erfassen einer Wahrheit bedeutet ein unmittelbares Danach-Handeln. Es ist nicht das „Ich weiss, aber…“ sondern „Jetzt sehe ich ein“, „Jetzt habe ich verstanden“. Hierin liegt der Unterschied zwischen Wissen und Weisheit. Ich kann hunderte Abhandlungen über Gerechtigkeit studiert oder sogar geschrieben haben, gerecht handeln kann nur der Weise. Der Weise kennt und lebt im Einklang mit seinem Gewissen. Er besitzt ein im wahrsten Sinne des Wortes reines Gewissen. Und er besitzt daher inneren Frieden und Glückseligkeit. Die platonische Dialektik ist ein Weg zur Weisheit. Der Weg des richtigen Hinterfragens befreit uns von der Unwissenheit. Wer fragt, gewinnt: Weisheit, Frieden, Glückseligkeit.

Dialektik gegen Depression

Sokrates hat sein ganzes Leben lang gefragt. Und verloren: sein Leben. Er hat mit seinen unangenehmen Fragen die Athener High Society herausgefordert. Diese suchte ihr Glück allein im skrupellosen Ringen nach Macht und Besitz. Persönliche Anliegen wurden mit bestbezahlten Sophisten, den damaligen „Rechtsverdrehern“, vor der Volksversammlung durchgesetzt. Die Sophisten beherrschten die Kunst, in den Wortgefechten andere zu besiegen. Sokrates dagegen lehrte die Kunst, sich selbst zu besiegen.

Welch eine Parallele zu uns heute? Ganze Heere von modernen Sophisten, Lobbyisten und Rechtsanwälten, unterstützen die Reichen und Mächtigen in ihrer Gier nach Macht und Geld. Eine gigantische Werbemaschinerie impft der Masse ein, wie man noch schöner, erfolgreicher und glücklicher wird. Leitsätze haben sich tief in unsere Seele gebrannt: Hast du was, bist du wer! Nur Leistung zählt! Wer Fehler macht, ist ein Versager! Männer hecheln nach der Bestzeit, Frauen hungern nach dem Schlankheitsideal. Das allein ist noch nicht das Problem. Das Problem ist, dass diese Massstäbe unreflektiert und damit unbewusst unser tägliches Denken und Verhalten steuern. Und da nur wenige diesen absurden Massstäben gerecht werden, geraten mehr und mehr in innere Turbulenzen: Angst, Wut, Scham, Hass – bis zur Niedergeschlagenheit, Depression und Siuzidgefährdung.

Wo ist der Sokrates des 21. Jahrhunderts?

Der die Mächtigen mit seinen Fragen herausfordert? Der uns mit seinen Fragen herausfordert: Wer bist du? Was ist das wirklich Wichtige im Leben? Was ist das Gute und Gerechte? 2.400 Jahre nach der Geburtsstunde der Dialektik müssen wir uns erneut dieser mächtigen Methode bedienen lernen: Erstens um unsere eigene Unwissenheit zuzugeben. Wir fliegen zwar zum Mond, aber schaffen es nicht, die Erde im Gleichgewicht zu erhalten. Wir transplantieren zwar Herzen, aber wissen nicht mit dem Herzen zu sehen und zu handeln. Wir fahren zwar Tausende von Kilometern jährlich, aber innerlich sind wir festgefahren. Zweitens, um uns von den oberflächlichen Kenntnissen wieder zum tiefen Verstehen der Zusammenhänge zu bewegen. Und drittens, um Geburtshelfer zu sein: eines neuen Denkens, eines neuen Menschen, einer neuen Zeit.

© Dr. Mag. Hannes Weinelt, Abenteuer Philosophie Magazin

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