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Die Frage nach dem „Wer bin ich“ ist bis heute nicht gelöst. Wie aber soll ein Tischler einen Tisch machen, ohne zu wissen, was ein Tisch ist – und wie sollen wir etwas aus uns machen, ohne zu wissen, wer wir sind? Und selbst wenn Ihnen dieser Artikel etwas über das „Wer bin ich“ enthüllt, bleibt immer noch die Frage: warum bin ich?

Bewusst wurde der Titel dieses Artikels in Anlehnung an Richard David Prechts Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja wie viele“ gewählt. Zum einen fokussiert sich im Fahrwasser eines Bestsellers immer eine gewisse Aufmerksamkeit, zum anderen war das Ich zentrales Thema des Philosophicum Lech 2013, des mittlerweile bedeutendsten Philosophiekongresses im deutschsprachigen Raum. Doch so angestrengt ich den Vorträgen dieses Kongresses lauschte und so sehr mich deren Inhalte interessierten, ich konnte die Frage nach dem „Wer bin ich“ einfach nicht beantwortet finden.

Ich erinnerte mich an ein Referat, das ich als Student vor Mitstudenten und sogar einigen Assistenten und Professoren der pädagogischen Fakultät hielt, und das ich mit der Frage „Was ist der Mensch“ begann. Die Frage löste eine Schweigeminute aus – wahrscheinlich war in diesem Moment die Illusion im Publikum gestorben, die Pädagogen könnten darauf eine Antwort geben, da sie immerhin den Anspruch erheben, den Menschen zum Menschen zu erziehen. Aber wie – wenn nicht einmal klar ist, was dieser Mensch überhaupt ist?

Betrachtet man die heutige Fächerverteilung in unserer Schulen, wird man den Eindruck nicht los, der Mensch solle zu einem angepassten, funktionierenden Zahnrädchen unserer Wirtschafts- und Fortschrittsmaschinerie erzogen werden. Für Musisches und Humanistisches ist da längst kein Platz mehr. Dahinter steht unser positivistisch-wissenschaftliches Menschenbild: der Mensch als eine durch Evolutionszu-, oder sogar –unfall entstandene „Einlebensfliege“? Dem gegenüber steht der Mensch aus der Sicht von Religionen und spirituellen Traditionen vieler Jahrtausende: der Mensch als ein sich selbst erkennen-könnendes Ich, das möglicherweise über unzählige Verkörperungen (Reinkarnationen) zur Selbsterkenntnis gelangt? Unser Menschenbild ist heute ein beliebiges. Jeder beantwortet die Frage „Wer bin ich“ anders. Die Palette reicht von der biologisch programmierten Kreatur bis zum nach Gottes Ebenbild erschaffenen Menschen. Und es ist letztlich unser Menschenbild, das unsere Entscheidungen und Handlungen bestimmt. Wie handelt ein Mensch, der sich selbst als Laune der Natur ohne weiteren Sinn betrachtet, als eine biologisch vorherbestimmte Kreatur? Wird er jede Verantwortung für Zerstörung, Vergewaltigung, ja sogar Mord von sich weisen – er konnte ja nicht anders?

Das Ich im Dschungel der Philosophiegeschichte

Blättert man im philosophischen Lexikon nach dem Ich (lat. ego), wird es als allgemeine Bezeichnung für den Beziehungspunkt, den letzten Träger der seelisch-geistigen Akte bzw. Vorgänge, für den Bewusstseins- bzw. Persönlichkeitskern des Menschen definiert. Diese nicht gleich beim ersten Mal Lesen verständliche Definition ist ein Versuch, der uns auf unserer Suche nach dem „Wer bin ich“ um nichts weiterbringt. Ausgangspunkt aller modernen Philosophie des Ich ist Rene Descartes mit seinem „Cogito ergo sum“. Er macht damit die Existenz eines Ich zur Voraussetzung des Erkennens. Kant unterscheidet zwischen einem transzendentalen und einem empirischen Ich. Ersteres wird er in einer späteren Schrift als „reines oder absolutes Ich“ bezeichnen, das Individuum, das sich unter der Hülle des Empirischen offenbart. Während der Deutsche Idealismus auf Kant aufbaut, verliert sich in späteren Ansätzen, beispielsweise dem existenzialistischen, das Ich als ursprüngliches, substanzielles Wesen und wird mehr und mehr zu einem Produkt der Mit- und Umwelt. Die Vielfalt der Definitionen und auch deren Komplexität machen es dem nicht philosophisch gebildeten Menschen schwer, eine lebensrelevante Definition des Ich aus diesem Dschungel der Philosophiegeschichte abzuleiten.

Wer bin ich nach Platon

Wenn auch Kants Theorie verschiedentlich interpretiert wurde, erinnert sie an Platon, für den der innere Mensch ebenso aus zwei Teilen besteht: einem unveränderlichen, der immer gleich bleibt und aus der gleichen Substanz wie die Gottheit geformt ist [vergleichbar dem transzendentalen Ich], und einem sterblichen und vergänglichen Teil (vergl. Timaios 31, 69c). Platon benützt also genau genommen den Begriff des Ich gar nicht, bringt uns aber dennoch dem „Wer bin ich“ ein grosses Stück näher. Neben den beiden Teilen des inneren Menschen, die dem griechischen Nous (Geist, unsterbliches Prinzip) und Psyche (Seele, sterbliches Prinzip) entsprechen, besitzt der Mensch auch noch einen sterblichen Körper (Soma). Somit ist der Mensch ein aus drei Teilen zusammen gesetztes Wesen: Geist (Nous), Seele (Psyche) und Körper (Soma). Nach Platon stehen uns nun zwei Möglichkeiten offen: unsere Seele kann sich mit Nous (dem göttlichen Geist) verbinden, dann „vollbringt sie alles richtig und glücklich“, oder aber sich an Anoia (die Torheit, die tierische Seele) heften, wodurch das Gegenteil eintritt. Damit meint Platon wohl die berühmten „zwei Seelen in unserer Brust“. Auf der einen Seite unser Hang zum Vernünftigen und Tugendhaften, die uneigennützige Hilfe für den Nachbarn, die liebevolle Achtsamkeit für unseren Partner, die Eselsgeduld mit unseren Kindern, der Mut angesichts von Ungerechtigkeit, die Mässigkeit am überquellenden Weihnachtstisch, usw. Dem gegenüber auf der anderen Seite die „Faszination“ des Abgrunds, den hilfsbedürftigen Nachbarn geflissentlich übersehen, neben unserem Partner als nützliches Inventar her leben, unsere Kinder auf der Fernsehcouch „entsorgen“, schimpfen aber Ungerechtigkeiten feige hinnehmen, uns bis zum Erbrechen vollzustopfen und -zufüllen.

Gewissermassen stehen wir also mit unserem Bewusstsein zwischen zwei Ichs: einem vergänglichen oder tierischen Ich und einem unvergänglichen oder göttlichen Ich. In seinem Höhlengleichnis beschreibt Platon den Weg unseres Bewusstseins: zunächst ist es in der Höhle an das tierische Ich gefesselt, gefangen genommen von den tanzenden Schatten an der Höhlenwand. Heute sind es die schwankenden Börsenkurse, die echten oder inszenierten Skandale und Affären, die immer „neuen“ Produkte und Markenartikel bzw. unsere ganze „Brot- und Spiele“-Kultur, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Wer den Mut hat, sich umzudrehen, also gegen den Strom der Zeit, aber auch den der eigenen Trägheit und Ignoranz, zu schwimmen, der erblickt in der Ferne, am Höhlenausgang, das Licht seines göttlichen Ichs. Dorthin drängt unser erwachtes Bewusstsein, bahnt sich seinen Weg durch alle inneren und äusseren Widerstände hindurch, bis es sich mit diesem Licht vereint. Platon benutzt also ein Gleichnis, um das letztendliche Ziel aller Religionen, alles re-ligare (sich wiederverbinden mit dem Göttlichen) zu beschreiben. Im Christentum ist es der Himmel, im Buddhismus das Nirwana, im alten Ägypten das Amenti – bei Platon das Licht. Symbolisch betrachtet ist es immer die Selbstwerdung des Menschen, eine Form der Erleuchtung, die Vereinigung mit seinem göttlichen Ich. „Erkenne dich selbst“, hiess es laut Überlieferung am Eingang des Tempels von Delphi.

Das Ich in der esoterischen Philosophie

Esoterik ist heute zu einem Allgemeinbegriff für allen „Hokuspokus“ geworden, der sich nicht in die traditionellen Religionen und Philosophien einordnen lässt. Das ursprüngliche griechische Wort esoterikos bedeutet jedoch einfach „innerlich“, im Unterschied von exoterikos „äusserlich“. Zu allen Zeiten und in allen Religionen sprach man von exoterischen und esoterischen Lehren. Ebenso bei den grossen Philosophen der Antike wie Pythagoras, Platon und selbst Aristoteles. Der bedeutende Religionsphilosoph Mircea Eliade bezieht Esoterik auf die tiefen, inneren Lehren einer Religion, die sich auch weitgehend in allen Traditionen ähneln, während die Exoterik die offiziellen Institutionen und Dogmen bezeichnet.

Im 19. Jahrhundert veröffentlichte die russische Philosophin und Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky die über Jahrzehnte gesammelten esoterischen Lehren aller ihr zugänglichen Traditionen. In dem ihr zugeschriebenen Glossar zur esoterischen Philosophie heisst es über das Ich: „Das Ego (lat.) ist das Selbst, das Bewusstsein des „Ich bin Ich“ im Menschen – oder das Gefühl des „Ich bin“. Die esoterische Philosophie lehrt die Existenz von zwei Egos im Menschen, des sterblichen oder persönlichen und des höheren, das göttlich und unpersönlich ist. Das sterbliche Ego nennt sie „Persönlichkeit“, das höhere Ego „Individualität“.“

Die Persönlichkeit setzt sich ihrerseits aus vier Aspekten zusammen:

  • einem physischen Körper, d.h. die rein materielle Hülle
  • einem energetischen oder vitalen Körper, der die materielle Hülle lebendig macht
  • einem emotionalen oder Gefühlskörper (unser Fühlen) und
  • einem intellektuellen oder Verstandeskörper (unser Denken).

Alle vier Aspekte gehören dem persönlichen, also auch sterblichen Ich an. Wenn wir uns beispielsweise bei einem Sturz die Nase blutig schlagen, wird durch den physischen Schmerz unser ganzes Bewusstsein vom physischen Körper in Beschlag genommen. Wir sagen dann „ich blute“. In Wirklichkeit ist es jedoch nur unser physischer Körper, der blutet. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wird durch den seelischen Schmerz unser ganzes Bewusstsein vom emotionalen Körper vereinnahmt. Wir sagen „ich bin traurig“, auch wenn es in Wirklichkeit nur unser emotionaler Körper ist, der traurig ist. Und wir werden in weiterer Folge Monate, vielleicht Jahre, denken, dass das Schicksal ungerecht ist, uns diesen geliebten Menschen frühzeitig genommen zu haben. Möglicherweise wird unser Denken ganz von dieser Ungerechtigkeit in Beschlag genommen, wir beginnen zu hadern, wir denken, wie schön es noch hätte sein können, was wir wohl falsch gemacht haben, dass es nicht so wurde, usw. Doch in Wirklichkeit ist es nur unser Verstandeskörper, der sich in Phantasien und Kreisgedanken festgefahren hat.

Das bedeutet, hinter oder über dieser vergänglichen Persönlichkeit, unserem Körper, Fühlen und selbst Denken, gibt es unser höheres Ich, unsere „Individualität“, die als innerer Wille oder Sein, unseren Körper, unser Fühlen und auch Denken beobachten und steuern kann. Ich kann mich mit Hilfe dieses inneren Willens aus negativen Gefühlen und Gedankenkreisläufen befreien und mein Fühlen und Denken aktiv auf etwas anderes richten. Diese „Individualität“ setzt sich nach der Tradition der esoterischen Philosophie aus drei Teilen zusammen:

  • einem höheren Denken oder Vernunft (im Sanskrit Manas)
  • einer Intuition oder inneren Schau (im Sanskrit Buddhi) und
  • einem inneren Willen oder Sein (im Sanskrit Atma).

Zwischen unserer Persönlichkeit und unser Individualität gibt es eine Verbindung, gleich einer Brücke. Diese Brücke hat den einen Verbindungspunkt mit unserem sterblichen, persönlichen Teil und den anderen mit unserem unsterblichen Sein. Es ist unser Denken, das einmal ganz vom persönlichen Teil unserer Wünsche und Leidenschaften in Besitz genommen wird, sich aber darüber erheben kann, um in die Sphäre des Erkennens und der inneren Schau einzutauchen.

Wir alle stehen auf dieser inneren Brücke. Wir haben die Möglichkeit in Richtung unseres persönlichen Ichs zu blicken, dann wird unser Denken zum Sklaven unserer Wünsche, unserer Schmerzen, unserer Ängste und Zweifel. Wir werden unserer jammernden und immer unzufriedenen Persönlichkeit zuhören, die nie genug bekommen kann, die sich immer mit anderen vergleicht, die immer das Haar in der Suppe findet, usw. Oder aber wir drehen uns um – wie die Gefangenen in Platons Höhle – und blicken in Richtung unseres inneren Seins. Dies ist mehr wie ein Verweilen in einem Augenblick, eine Ahnung von etwas Grossem, Ewigem im ganzen Universum und in uns selbst, eine Ahnung dieses unsterblichen Ichs.

Laut den esoterischen Traditionen ist also das Ich der „Gott in uns“, ein Mittelpunkt, der überall und nirgends und daher mit unserem Verstand nicht fassbar ist. Und das Warum beantwortet sich im Weg aus der Höhle ans Licht.

In den Worten Khalil Gibrans: „Das Ich ist ein Meer, grenzenlos und unermesslich. Sagt nicht: Ich habe die Wahrheit gefunden, sondern lieber: Ich habe eine Wahrheit gefunden. Sagt nicht: Ich habe den Pfad der Seele gefunden. Sagt lieber: Ich habe die Seele auf meinem Pfad wandelnd getroffen. Denn die Seele wandelt auf allen Pfaden. Die Seele wandelt nicht auf einer Linie, noch wächst sie wie ein Schilfrohr. Die Seele entfaltet sich wie eine Lotosblume mit zahllosen Blättern.“

© Dr. Mag. Hannes Weinelt, Abenteuer Philosophie Magazin

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